Silent 55 – Sonne im System

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Das Dilemma beginnt schon beim Testen: der italienische Kollege aus dem Motorbootsektor schaut verzweifelt auf sein Testformular. Hubraum, Drehzahl, Hoechstgeschwindigkeit – so vieles auf der Silent 55 passt so gar nicht in sein Schema. Und das ist ein gutes Zeichen, denn schliesslich verkOErpert das Silent-YachtKonzept einen ganz neuen Ansatz in der Cruising-Welt.

Die Silent 55 sieht zwar aus wie ein Motorboot, in Tat und Wahrheit ist sie jedoch ein Segler, einfach ohne Rigg und Segel. Man könnte sie Sonnen-Segler nennen, denn anstelle von Windenergie nützt sie die Strahlenpower der Sonne. Die Solarpanels auf dem gesamten Katdach leiten die Energie in
Batterien, aus denen auch die Elektro-
antriebe gespiesen werden. Die zwei
kleinen, kompakten Kraftpakete von UQM arbeiten dermassen leise, dass ich beim Ablegen richtig Hemmungen habe, die Leinen loszuwerfen. Laufen die Motoren auch wirklich? Kein Brummen, kein Vibrieren, kein Kühlwasseraustritt signalisiert, dass wir losfahren können. Trotzdem schiebt sich der grosse Kat wie von Zauberhand vom Quai weg. Mit Hilfe der mittschiffs platzierten Lewmar-Thruster (Querstrahlruder) sogar parallel zur
Kaimauer.
Smart SOLAR Cruising
Kopf, Seele und treibende Kraft hinter dem Silent-Yachtkonzept ist Michael Köhler, mit dem ich mich auf der Flybridge über diese neue Art der Fortbewegung auf dem Wasser unterhalte. Der studierte Anwalt fragte sich bereits in jungen Seglerjahren, warum man so viel anfälliges Gerät (sprich Segelrigg und Dieselmotor) beim Blauwasser-Cruising mitschleppen muss. Um dann erst noch fossile Brennstoffe in die Luft zu blasen, damit man bei Flaute Strecke machen kann oder um sich etwas Komfort an Bord zu gönnen. Schon früh setzte er auf Solartechnik, heute besitzt er so viel
Erfahrung und die geeigneten Produkte aus der Industrie, um genau die Yachten realisieren zu können, die jeden Skeptiker überzeugen. Für ganz Vorsichtige
gibt es Silent Yachten auch als Hybrid-Versionen in Kombination mit Diesel-
aggregaten. Doch nach dem Testtag bin ich überzeugt, dass diese Rückversicherung eigentlich gar nicht nötig ist. Ein Generator reicht völlig als Backup-Garantie, sollte die Sonne mal länger überhaupt nicht scheinen. Und selbst das Aufladen setzt auf Energieeffizienz: anstatt in kürzester Zeit die Batterien vollzupumpen, regelt das System die optimale Ladezeit bei geringstem Energieaufwand. Wer
die beim Cruisen so angenehme Reise-
geschwindigkeit von 4 bis 5 Knoten
geniesst, wird feststellen, dass er den
Generator gar nie in Anspruch nehmen muss. Trotzdem sollte man ihn ab und zu mal laufen lassen. Michael Köhler musste feststellen, dass der Generator auf seinem Vorgängerschiff nach drei Jahren Nichtstun nicht mehr zu gebrauchen war.

Ganze fünf Jahre lang wurde dieser
Prototyp, die 46 Fuss lange Solarwave, vom Ehepaar Köhler auf Herz und Nieren
getestet. 2010 ging es auf Flüssen zuerst quer durch Europa, dann folgte das Schwarze Meer und das Mittelmeer, das im Winter ziemlich ruppig sein kann, wie die letzten Ereignisse kurz vor dem Testtag wieder eindrücklich bewiesen hatten.

Ob Sturm, Schnee, Wolken – die Solarwave spulte ihr Programm mit zeitweiligen Chartergästen problemlos ab. Alles an Bord wurde über Solarenergie betrieben: Kühlschrank und Tiefkühler, Wassermacher, Waschmaschine, Herd, Grill, Klimaanlage – die Power reichte für alle sogenannten „Hotelfunktionen“ locker aus, Bordelektronik inklusive. Die Solarpanels, Batterien und Elektromotoren
arbeiteten problemlos und wartungsfrei, zuletzt hatten die Antriebe mehr als 2’000 Betriebsstunden auf dem Zähler. „Die Elektromotoren sind Industrie-
standard und für mehr als 50’000 Betriebsstunden ausgelegt – natürlich
wartungsfrei,“ beschreibt Mchael Köhler seine UQM-Motoren, „wer also pro Jahr 500 Stunden ins Reisen investiert, kann das 100 Jahre lang machen.“ Danach muss man lediglich die Lager für EUR 65 wechseln – und die Fahrt kann weitergehen.

Es ist gar noch nicht so lange her, dass die Tûranor PlanetSolar die emissionslose Antriebsart durch Sonnenenergie in die Schlagzeilen brachte. 2012 beendete der futuristisch wirkende Katamaran seine Weltumrundung. Dabei schleppte das
80 Tonnen verdrängende Gefährt rund
12 Tonnen an Batterielast herum. Das Projektbudget wurde auf rund 15 Millionen Euro geschätzt. Nur sechs Jahre
später befinde ich mich auf einer Offshore-Solaryacht, die ebenfalls um die Welt reisen kann, aber mit jedem erdenklichen Komfort und in einem wahrhaft
luxuriösen Ambiente. Der Unterschied dabei ist so augenfällig wie zwischen den ersten plumpen Mobiltelefonen und den heutigen Smartphones.

Luxus auf zwei Rümpfen
Lassen wir kurz nüchterne Leistungs-daten links liegen und schauen uns das schwimmende Solarkraftwerk als mobiles Feriendomizil an. Das Katamaran-Konzept bietet nicht nur schön viel Solarzellen-Fläche, sondern eröffnet auch viel Raum für das Einrichungs- und Wohnkonzept. Hell und luftig präsentiert sich die Silen 55 nicht nur im Open Space von Salon, Küche und Innensteuerstand. Viel Licht und grosszügige Stehhöhe herrschen auch in den Kabinen und Badezimmern. Die Eignerkabine bekäme in einem Hotel das Prädikat „Suite mit Meerblick“. Das Schlafzimmer nützt die komplette Schiffsbreite aus, mit dem umlaufenden Fensterstreifen im Deckhaus-Stil und den tieferliegenden Frontfenstern entsteht ein faszinierendes Raumgefühl mit Blick auf Wind, Wellen und Weite. So gar nichts von den typisch schiffigen „Nasszellen“ haben die Bäder vorzuweisen. Im Gegenteil, die Ausstattung ist wie man es an Land gewöhnt ist: richtige Keramik-WCs, verglaste Duschkabinen und extravante Lavabos kultivieren das Badezimmer-
Feeling. Etwas kleiner dimensioniert, aber mit dem gleichen komfortablen Luxus und dank grossen Fenstern ebenso lichtdurchflutet, brauchen sich die Kabinen in den Rümpfen nicht zu verstecken. So können acht Personen in vier Doppelkabinen premiummässig untergebracht werden. Wenn es ein Badetripp zu
nächsten Bucht sein soll, dürfen maximal 20 Personen an Bord gehen. Bei einer
Atlantiküberquerung dürfen es 12 sein, so könnte sich eine achtköpfige Reise- oder Chartergruppe von vier Crewmitgliedern verwöhnen lassen, deren Unterkünfte im Kopfteil der Rümpfe liegen. Die Drinks können sich die Gäste wahlweise auf die Flybridge, auf die Liegeflächen im Vorschiff oder auf die Sonnenliegen des Dinghyträgers servieren lassen. Oder doch lieber im Innen- oder Aussensalon? Auch seitlich des Deckhauses sind noch Sitznischen eingelassen – Rückzugsorte gibt es also genug. Und wenn ich es mir so richtig überlege, braucht es auch keine Crew. Zu tun gibt es nicht viel und das „Arbeiten“ in der profimässig eingerichteten Profiküche wird selbst zum reinen Vergnügen. Und die Drinks im doppeltürigen Kühl-„Schrank“ werde ich doch noch wohl selbst finden…

Cruisen bis ans Ende der Welt
Während wir zickzackmässig umherkreuzen und den Anweisungen des Fotobootes folgen, spiele ich gedanklich meine eigene Reise mit einer Silent Yacht durch. Wie faszinierend muss es sein, quasi autonom und damit unabhängig auf den Meeren unterwegs zu sein? Reichweite ohne Ende! Nie mehr auftanken, nie mehr Trinkwasser auffüllen. Höchstens ab und zu mal Pasta und G & T bunkern… Jules Vernes Kapitän Nemo lässt grüssen, Freiheit ohne Ende, Marinas meiden und das Leben in abgelegenen Destinationen und leeren Buchten geniessen. Selbst wenn ich zum Arbeiten mal an Land müsste, könnte der Kat in einer geschützen Bucht auf mich warten – via GPS-Steuerung auf Position gehalten. Er könnte mich auch irgendwo abholen kommen, Remote Control ist ja heute kein Hexenwerk mehr.

Und so wie gerade die Fotodrohne über uns hinwegfliegt, könnte ich von zu Hause aus mit einer bordeigenen Drohne die Position und die Umgebung kontrollieren. Und die Drohne so programmieren (lassen), dass sie ebenfalls autonom handelt und z.B. zum Batterieaufladen wieder auf dem Kat landet. Das machen elektrische Rasenmäher ja schon längst so…

Meine Gedankenspiele enden mit der Rückkehr in den Hafen. Fakt ist und bleibt, dass wir es hier mit einem überaus cleveren neuen Crusingkonzept zu tun haben, das wirklich funktioniert. Schön ist es, ein eigenes Solarkraftwerk zu besitzen, auch der elektrische Aussenborder des Dinghis kann über das Bordsystem augeladen werden. Rund 40 Steckdosen sind an Bord installiert – ein Zeichen dafür, dass komfort gross geschrieben wird und die Silent-Batterien keine Angst vor dem Anzapfen haben. Die Grösse, die Aufteilung, der Komfort – das alles macht diesen Kat eigentlich auch zur perfekten Charteryacht. Gerne auch für Menschen, die noch nie ihre Ferien auf dem Wasser verbracht haben. Tatsächlich geht unser Testmodell als Urlaubsdomizil für den Winter nach Myanmar.

Strahlende Zukunft
Bereits sind drei Silent 76 verkauft, die erste bereits im Bau. Auch für die 55er und die 64er liegen Bestellungen vor. Um die Produktion besser überwachen zu können, werden die Silent Yachten neu in Italien bei einer renommierten Werft auf Kiel gelegt. So lassen sich auch Kundenwünsche noch fast in letzter Minute berücksichtigen.

Auf eine Getriebebox wir zukünftig jedoch verzichtet. Diese Installation ist nicht nötig und war auf der Testyacht das „lauteste“ Geräusch. Theoretisch klang der Einbau zwar plausibel, aber die Praxis beweist: es geht auch ganz ohne. Wieder ist Michael Köhler um eine Erfahrung reicher…

Der Segler in mir möchte auf ein Rigg vielleicht nicht verzichten. Die verstärkten Gleiterrümpfe, die grossen Ruderblätter sorgen dafür, dass die Silent 55 auch für den Segelbetrieb einsatzbar wäre. Doch auch hier spricht CEO Köhler aus eigener
Erfahrung: „Ein Segelrigg ist aufwendig, teuer und wirft lästige Schatten auf die Solarpanels. Wenn schon Segeln, dann modern: z.B. mit einem Kite von SkySails.“ Auch das hat sich in der Cruisingpraxis bereits bewährt. Die Kites fliegen computergesteuert eine endlose Achterschleife in 100 bis 150 Metern Höhe und ziehen den Kat problemlos durchs Wasser.

Auch die Berufsschifffahrt hat längst ein Auge auf die emissionslose Antriebsart geworfen. Mit dem eigens konzipierten Passagierkat Silent 55 Vip Ferry hat Silent Yachts auch in diesem Sektor bereits einen ersten Leistungsbeweis erbracht. Die Verwendung von bewährten Komponenten stellt sicher, dass selbst im harten Dauerbetrieb die Vorzüge des Solarkonzeptes über Jahre hinweg erhalten bleiben.